Kunst- und Industrieinstitut Charkiw
Der Studiengang ,Künstlerische Konstruktion‘ wurde 1963 am ehemaligen Charkiwer Kunstinstitut eingerichtet. Dieses war 1962 in das Charkiwer Institut für Kunst und Industrie umgewandelt worden, um Studierende auf ihren Einsatz in der Industrie vorzubereiten.
Wassil Jermilow (1894–1968) wurde als Dozent an die neu gegründete Fakultät berufen. Der Avantgardekünstler Jermilow war ein führender Vertreter des ukrainischen Konstruktivismus und stand seit den frühen 1920er Jahren an der Spitze des künstlerischen Lebens in Charkiw. Jermilow hatte 1921 die Umwandlung der Charkiwer Schule in eine Kunstakademie (ab 1927 Institut) mit dem Schwerpunkt Industriekunst betrieben, wo er bis 1934 zusammen mit Iwan Padalka (1894–1937) eine Druckwerkstatt leitete. Die Reformpädagogik der 1919 in Weimar gegründeten Kunstgewerbeschule Bauhaus prägte sein Verständnis von der neuen Rolle des Künstlers in der Industrie. 1921 besuchte Jermilow die WChUTEMAS, wo er während seines einmonatigen Aufenthalts verschiedene Werkstätten kennenlernte, insbesondere auch die von Ljubow Popowa und Alexander Rodtschenko.
Neben seiner Arbeit als Lehrer war Jermilow auch als Maler und Gebrauchsgrafiker tätig. Er entwarf Verpackungen und Markenzeichen, schuf eine eigene Schriftart, gestaltete Buchumschläge und Zeitschriften. Außerdem entwickelte er Projekte für kleine architektonische Formate, darunter Kioske und Stände, Bücher- und Aktionswagen. 1928 entwarf Jermilow den ukrainischen Stand für die internationale Ausstellung ,Pressa‘ in Köln – mit El Lissitzky als Chefdesigner des sowjetischen Pavillons; Jermilow durfte jedoch nicht mit nach Deutschland reisen.
Nach langer Zeit der erzwungenen Untätigkeit ab Ende der 1930er Jahre wurde Jermilow in den 1960er Jahren rehabilitiert und konnte seine berufliche Tätigkeit wieder aufnehmen. Die von ihm entwickelten Lehrpläne basierten auf seinen pädagogischen Erfahrungen aus den 1920er Jahren. 1964 erhielt Jermilow den Auftrag für eine Propagandatafel für die 8. Lagerfabrik in Charkiw. In Zusammenarbeit mit seinen Studenten entwarf er eine 42 Meter lange Tafel aus grafischen Blättern, die in dünne Holzrahmen montiert waren. Er verwendete Collagen, Fotografien, typografische Kompositionen und abstrakte Elemente, die an den Suprematismus und den Konstruktivismus erinnerten. Diese Elemente waren es, die den Entwurf entscheidend aufwerteten.
Tetjana Pawlowa